Wanderung durch die Kirchellener Felder – wenn der Wind einem die Worte aus dem Mund reiß

 


Heute war so ein Tag, an dem man sich fragt, warum man eigentlich freiwillig rausgeht. 6–8 °C, Himmel bleigrau, diesig, und der Wind kam in richtig heftigen Böen daher – teilweise so stark, dass man sich richtig gegenlehnen musste, um vorwärts zu kommen. Aber genau das macht diese Ecke im nördlichen Ruhrgebiet so besonders: hier prallen Natur und Industrie so unvermittelt aufeinander, dass man fast das Gefühl hat, durch zwei verschiedene Welten gleichzeitig zu laufen.

Start war in Scholven, direkt an der Grenze zu Gladbeck. Die geplante Runde: etwa 8,1 km, laut Komoot 1:33 h, in echt eher 1:50 h, weil man ständig stehen blieb – entweder um Fotos zu machen oder einfach nur, weil einem der Wind den Atem raubte.



Die ersten Kilometer führten über die weiten, flachen Felder zwischen Scholven und Kirchhellen. Grüne Wintersaat, so weit das Auge reicht, dazwischen ein paar Höfe, Pferdekoppeln und diese typischen niederrheinischen Baumreihen, die wie Windbreaker wirken sollen – heute eher wie Streichhölzer im Sturm. Die Böen kamen von vorne, von der Seite, manchmal sogar von hinten und schoben einen fast um. Jacke zu, Kapuze hoch, Hände in den Taschen – und trotzdem hatte man ständig das Gefühl, der Wind lacht sich ins Fäustchen.


Irgendwo zwischen den Feldern steht dann plötzlich diese kleine, schwarze Backsteinkapelle – kaum größer als eine Gartenlaube, mit vergitterter Tür und einer Bank davor, auf der wahrscheinlich seit Jahrzehnten niemand mehr gesessen hat. Um sie herum nur Wiese, ein paar alte Eichen und das ständige Rauschen des Windes in den kahlen Ästen. Ein Ort, der irgendwie nicht in diese Zeit passt. Man erwartet fast, dass gleich ein Schäfer mit Schafen um die Ecke kommt – stattdessen hört man im Hintergrund das leise Summen der BP-Raffinerie Scholven.

Und genau das ist der Wahnsinn dieser Tour: man dreht sich um 180 Grad und hat plötzlich diese riesige Industriekulisse vor der Nase. Türme, Rohre, Schornsteine, alles in Dunst gehüllt, aber trotzdem bedrohlich nah. An manchen Stellen kommt man der Anlage so nahe, dass man den Zaun riechen könnte – wenn der Wind nicht alles wegpusten würde. Die Kontraste könnten kaum größer sein: vorne sattgrüne Felder, hinten rauchende Schornsteine, dazwischen eine winzige Kapelle aus dem 19. Jahrhundert, die aussieht, als hätte jemand vergessen, sie mitzunehmen, als die Industrie kam.


Der Rückweg führte dann wieder über die Felder, vorbei an Strommasten, die wie Riesen in der Landschaft stehen, und einem Wegweiser „3“ mit abgebrochenem Pfeil – typisch Ruhrpott: selbst die Wanderwegmarkierung hat schon aufgegeben.

Fazit: Keine Postkartenwanderung. Keine idyllischen Waldpfade, keine Aussichtsgipfel. Dafür aber eine, die einem zeigt, wo man eigentlich wohnt – in einem Landstrich, in dem Kohle, Chemie und Landwirtschaft seit 150 Jahren Tür an Tür leben. Und an einem Tag wie heute, mit 8 Grad, Nebel und Orkanböen, wirkt das alles noch eine Spur surrealer.

Trotzdem (oder gerade deshalb): eine der ehrlichsten Wanderungen, die man hier machen kann). Kalt, laut, windig, diesig – und irgendwie großartig.

Bleibt nur eine Frage: Warum zur Hölle habe ich keine Thermoskanne mitgenommen? Nächstes Mal definitiv.Wie immer Glück Auf DL2HS Helmut


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